Nachlese: Landratskandidaten auf der Burg Klempenow am 14.5.
 

nk-2008-05-16

Notstandsregion braucht neues Leitbild

Von Christina Weinreich
Klempenow. Es hat einige Zeit gebraucht, ehe es hart, aber fair im neu ausgebauten Flügel der Burg Klempenow zur Sache ging. Der Unternehmerverband MiLaN (Mit Lust an Natur) hatte die vier Landratskandidaten eingeladen, um zu ganz konkreten Fragen auch ganz konkrete Antworten zu erhalten. Rund 40 Zuhörer nahmen auf den Stühlen Platz, sie kamen vorwiegend aus der Gemeinden Alt Tellin und Daberkow.

Hier wird die Kommunalpolitik seit Monaten von einem Thema beherrscht: Ein Holländer will im Tollensetal bei Alt Tellin Europas größte Schweinezuchtanlage bauen, in der jährlich 10 000 Sauen rund 250 000 Ferkel werfen und rund 60 000 Tonne Gülle anfallen. Die Mehrheit der Bewohner in der Gemeinde Alt Tellin, so der Wietzower Gutshausbetreiber Jörg Kröger, ist gegen diese Anlage (der Nordkurier berichtete). Sie würde weiträumig menschliche Lebensgrundlagen zerstören und könnte ganz Mecklenburg-Vorpommern mit Schweinefleisch versorgen. Alt Telliner Gemeindevertreter, die sich bei ihrer Entscheidungsfindung von einem Amtsmitarbeiter in unzulässiger Weise beeinflussen ließen, hätten nichts gegen den Bau unternommen und einige von ihnen betrieben eine Politik, bei deren Beschreibung schon mal das Wort hinterhältig fiel, weil sie so gar nichts mit demokratischen Vorgehen zu tun habe und gegen die Kommunalverfassung verstoße.
Wie stehen die vier Bewerber zu diesem Vorhaben? Wieviel Agrarindustrie verträgt das Tollensetal überhaupt? Das wollten die Zuhörer wissen.
CDU-Mann Edgar Kliewe bekannte sich zur Schweinehaltung im Tollensetal, sprach sich allerdings gegen die Größe der Anlage aus. „Eine gewisse Effektivität müssen wir solchen Investoren aber zusichern. Und wir brauchen Schweineproduktion, wenn wir Fleisch nicht importieren wollen. Doch muss das jede Kommune für sich entscheiden.“ Allerdings, so schränkte er ein, wenn das jede Kommune für sich entscheiden könne, habe man bald den Zustand, dass keine derartige Anlagen haben wolle. Kliewe erinnerte an die Debatte um den Standort der Mülldeponie in Rosenow. Siegfried Konieczny (Die Linke) sagte klar, dass er „absolut gegen Anlagen dieser Größenordnung an diesem Standort“ sei, weil sie bereits Geschaffenes gefährden würden. „Wir haben andere Entwicklungspotenziale hier.“
Einzelbewerberin Petra Kasch sagte klipp und klar: „Was, wann, wo entsteht, darüber entscheidet die Kommune.“ Sie sehe auch große logistische Probleme, wenn die Ferkelfabrik komme. Marie-Jeanne Beringer (SPD) könne niemandem folgen, der derartige Anlagen verteidige. Sie plädierte dafür, den ökologischen Landbau stärker zu fördern, „der ist die Zukunft der Region“.
Mitglieder des MiLaN bekannten sich zur Landwirtschaft im Tollensetal, doch soll sie in konventioneller und ökologischer Form existieren, nicht aber als Agrarindustrie daher kommen, deren Ziel nur Profitgewinnung statt Pflege des Lebensraumes sei. Olaf Spillner, Abgeordneter in Alt Tellin, widerlegte in dem Zusammenhang die Behauptung, Agrarindustrie würde Arbeitsplätze schaffen. Die komme aufgrund hochentwickelter Technik mit immer weniger Kräften aus und dränge weitere Leute dazu, die Region, die bereits am Ausbluten ist, das Tollensetal zu verlassen.
„Doch es geht gar nicht so sehr um LPG, Wieder- oder Neueinrichter. Es geht um die Leute, die hier wohnen.“ Und da missfalle ihm das Wahlmotto Kliewes „Wir schaffen das“. Es gaukle heile Welt vor. „Dabei leben wir in einer Notstandsregion, die von Arbeitslosigkeit, Abwanderung und zunehmendem Alkoholismus gekennzeichnet ist. Sie verdrängen die Probleme. Wenn man die aber nicht wahrnimmt, kann man sie auch nicht lösen“, wandte sich Spillner direkt an Kliewe. „Es gibt einen deutlichen Interessenkonflikt zwischen Tourismus und Landwirtschaft. Wenn zwei auf der gleichen Fläche was machen wollen, hat die Natur das Nachsehen. Da kann einem doch die Lust vergehen.“
MiLaN gehören inzwischen 20 Unternehmen an, die im Bereich Unteres Tollensetal von Klempenow bis zur Burgruine Osten 35 Arbeitsplätze geschaffen haben, davon 21 Vollzeitstellen. Ihr Credo: „Die Natur zu nutzen, ohne sie dabei zu verbrauchen“. Sein Ziel, so Kliewe, sei eine stärkere Verknüpfung von Landwirtschaft und Tourismus. Hier stelle er großen Nachholebedarf in der Region fest.
Was die Arbeitsweise der an der Mehrheit vorbeiregierenden Gemeindevertreter von Alt Tellin betrifft, rieten die Bewerber, sich Hilfe von außen zu holen, zumal der Bürgermeister aufgefordert wurde, eine Dringlichkeitssitzung abzuhalten. Konieczny sprach sogar „von Gefahr im Verzug“. Er stimmte Spillners Einschätzung, der Kreis sei ein Notstandsgebiet, zu. Deshalb wolle er ein neues Leitbild für die Entwicklung des Kreises erstellen, das gegen Lethargie, Defätismus und Depression gerichtet sei und den Menschen wieder Vision und Zuversicht vermittle.

 





<< zurück