Politik

 

Gewalttätige Attacke auf Gemeindevertreter

Nordkurier 2008-06-04

Von Stefan Hoeft
Hohenbüssow/Alt Tellin/Demmin. „Wir distanzieren uns von jeglicher Gewalt, so etwas kann man nicht gutheißen.“ Diese Feststellung für sich und seine Fraktion traf gestern Alt Tellins Bürgermeister Frank Karstädt (CDU) gegenüber Nordkurier. Hintergrund ist eine nach Zeugenaussagen anscheinend politisch motivierte Straftat am Abend der jüngsten Landratswahl im Landkreis Demmin, die über die Gemeindegrenze hinweg für Aufsehen sorgt. Ziel der Attacke war der Alt Telliner Abgeordnete Olaf Spillner aus Hohenbüssow, der für die Wählergemeinschaft Tollensetal in der Gemeindevertretung sitzt.
Am Sonntag gegen 22 Uhr kreuzten plötzlich zwei Autos vor seinem Grundstück auf, Leute stiegen aus, und neben lauter Musik und Gegröle seien unter anderem das Splittern von Holz und Schläge auf Metall zu hören gewesen, erinnert sich Olaf Spillner. Als seine Frau Möne nach der Ursache für den Lärm schauen wollte, traf sie zwei junge Männer an, die teils schon auf dem Grundstück waren und mit einem langen Rundholz den Briefkasten traktierten beziehungsweise das Eingangstor demolierten. Die Hohenbüssowerin stellte sich in den Weg und wollte die Kennzeichen der Autos notieren, als diese schleunigst wieder abrückten – ohne allerdings die zwei Männer mitzunehmen. Die machten sich stattdessen zu Fuß die alte Pflasterstraße Richtung Alt Tellin auf den Weg.
Doch während Olaf Spillner die Polizei anrief, gingen seine Frau und eine Freundin den Tätern hinterher, aus Richtung Broock rückten zudem schnell alarmierte Freunde an. Letztlich kamen die Verfolgten – die beide aus der Gemeinde stammen – wieder zurück und stellten sich einem Gespräch, später dann rückte auch noch die Polizei mit zwei Wagen an und nahm die Personalien auf.
Erschüttert zeigte sich Spillner vor allem über die Motive der Tat, die von dem Duo sowohl während der Attacke als auch hinterher geäußert wurden. Schließlich sei ganz klar sein Name gefallen und der Angriff mit seiner Arbeit als Abgeordneter beziehungsweise Vertreter der Bürgerinitiative „Leben am Tollensetal“ in Verbindung gebracht worden. Es sei von Drohbriefen gegen den Bürgermeister und seine Stellvertreterin die Rede gewesen, und davon, dass die in der Kommune geplante große Schweinezuchtanlage verhindert werden und dass die Einigkeit der CDU-Fraktion zerstört worden sein soll. Zehn Jahre hätten sie nun schon die Füße stillgehalten und die Zugezogenen geduldet.
Die Täter hätten sich als „Verteidiger“ der Union und des Bürgermeisters zu erkennen gegeben und angedeutet, dass sie nicht das letzte Mal vorbeigekommen seien und sich auch andere noch vornehmen würden – wie die Abweichler bei den Christdemokraten. Außerdem kreideten sie Spillner den vergangene Woche von alteingesessenen Alt Tellinern verfassten offenen Brief gegen die CDU an, in dem eine Neuwahl in Alt Tellin gefordert wird (Nordkurier berichtete). „Dabei habe ich mit dem Brief überhaupt nichts zu tun“, unterstreicht Spillner.
„Die fühlten sich voll im Recht“, stellte Möne Spillner bei dem Gespräch mit den jungen Leuten fest. Dabei seien das keine bösen Menschen, einen schätze sie sogar als einen eigentlich netten Typen ein. Doch sie seien fehlgeleitet und zudem alkoholisiert, so die Hohenbüssowerin. „Da war ein klarer Frust zu erkennen.“ Ihr täten die Angreifer fast schon leid, äußerte die Hohenbüssowerin.
Das Verständnis hat allerdings auch Grenzen. So stellte Olaf Spillner Strafanzeige, er hält den Tatbestand des Landfriedensbruches für erfüllt – mit Vorsatz ausgeführt. Und sieht die Demokratie in Gefahr: „Dass man meine Arbeit als Gemeindevertreter auf diese Weise beeinflussen will, geht nicht.“ Er hoffe, dass Polizei und Staatsanwaltschaft die Hintergründe aufklären. Denn Spillner vermutet das Handeln politischer Entscheidungsträger dahinter.
Die Polizei behandelt die Angelegenheit wie jede andere Anzeige auch, erklärte Eckhard Mohns, Leiter der Polizeiinspektion Demmin, auf Anfrage unserer Zeitung. Demnach geht es um Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch, die Akte sei zur Bearbeitung bereits an die Kripo weitergereicht. „Was dabei dann herauskommt, müssen die Ermittlungen zeigen.“ Nähere Auskünfte zu einem laufenden Verfahren gebe es von der Polizei aber ohnehin nicht.
Bürgermeister Karstädt indes ist alles andere als glücklich mit der Eskalation, er verurteile die Tat. Bei der Ursachenforschung verwies er auf die in den vergangenen Monaten immer gereiztere Stimmung in der Kommune, die in dem besagten offenen Brief nun einen weiteren Höhepunkt erreicht habe. „Ich denke, diese Liste hat die Leute aufgebracht“, so das Dorfoberhaupt. Zumal er von einigen Unterzeichnern wisse, dass sie früher ganz andere Meinungen vertreten hätten. „Es kann nicht immer nur eine Minderheit für alle reden“, sagte Karstädt. Von Drohbriefen gegen ihn wisse er nichts, doch es habe durchaus schon indirekte Drohungen gegen seine Familie gegeben. Mit der jetzigen Gewalttat aber sei keinem ein Gefallen getan worden. „Wenn ich davon im Vorfeld erfahren hätte, hätte ich versucht, das zu verhindern. Aber leider erfährt man so etwas ja immer erst hinterher.“


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